aargauerzeitung.ch, 08.01.2026
Chef des Gewerbeverbandes kämpft für 200-Franken-Initiative: «SRG muss sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren»
Interview: Francesco Benini und Kari Kälin
«Mehr Information, weniger seichte Unterhaltung»: Urs Furrer findet, die SRG solle sich auf den «Kernauftrag» beschränken.
Bild: Andrea Zahler
Schauen Sie das Skirennen am Lauberhorn?
Urs Furrer:
Ja. Wie mehr als eine Million andere Menschen in diesem Land. Darum überträgt das Schweizer Fernsehen weiterhin das Lauberhorn-Rennen, auch wenn die SRG-Initiative angenommen wird. Das ist einer der reichweitenstärksten Sportevents in der Schweiz. Es wäre kommerziell ein Unsinn, es nicht mehr zu zeigen.
Die Produktion ist aber aufwendig. Nach einem Ja am 8.März hätte die SRG viel weniger Mittel.
Ein Sportevent mit grosser Reichweite generiert hohe Werbeeinnahmen. Es widerspräche jeder unternehmerischen Vernunft auf Seiten der SRG, auf die Übertragung zu verzichten.
Das Gewerbe in der Schweiz profitiert als Lieferantin der SRG von Aufträgen. Schneiden Sie sich nicht ins eigene Fleisch mit der Halbierungsinitiative?
Die Unternehmen bezahlen SRG-Steuern in der Höhe von fast 200 Millionen Franken. Dieses Geld fällt nicht vom Himmel, es muss zuerst verdient werden. Das Geld fehlt den Unternehmen. Es könnte investiert werden für Weiterbildung, Cybersecurity oder anderes. Bei den Privathaushalten ist es ähnlich.
Nämlich?
Bei einem Ja zur Initiative sinkt die SRG-Abgabe von 335 auf 200 Franken. Also bleiben jedem Haushalt 135 Franken mehr. Das generiert einen volkswirtschaftlichen Nutzen. Es ist ja nicht so, dass das Geld, das nicht an die SRG fliesst, unter dem Kopfkissen landet. Es wird ausgegeben und sorgt für Wertschöpfung.
11 Franken pro Monat machen den Braten nicht feiss.
Gerade für Menschen mit tiefen Einkommen ist ein Betrag von 135 Franken pro Jahr relevant. Bei den Unternehmen ist es so: Die SRG-Steuer ist abhängig vom Umsatz. Das ist ein grosses Problem.
Quelle: Andrea Zahler
Urs Furrer
Urs Furrer, 53, ist seit Mai 2024 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Zuvor leitete er die Verbände Chocosuisse und Biscosuisse. Furrer hat an der Universität St. Gallen Recht studiert. Der Schweizerische Gewerbeverband sgv hat eine eigene Kampagne www.kmu-entlasten.ch zur Unterstützung der SRG-Initiative «200 Franken sind genug!» lanciert. (be.)
Der Bundesrat will die Umsatz-Schwelle von einer halben Million auf 1,2 Millionen Franken anheben. Alle Unternehmen mit tieferem Umsatz wären von der Abgabe befreit. Das sind 80 Prozent der Betriebe.
Auch damit würden weiter über 80’000 Unternehmen über 160 Millionen Franken an SRG-Steuern bezahlen. Die Entlastung ist nicht gross. Nehmen wir ein KMU, einen Autohändler. Mir liegt die Rechnung einer Garage aus Winterthur vor. Sie machte einen Umsatz von 26 Millionen – und bezahlte 5750 Franken an SRG-Steuern. Das ist eine Versechzehnfachung verglichen mit der früheren geräteabhängigen Gebühr. Nehmen wir eine andere Branche.
Welche?
Hoher Umsatz, tiefe Marge: So ist es zum Beispiel beim Brennstoff-Handel. Mit steigendem Benzinpreis erhöht sich der Umsatz, aber nicht der Gewinn. Die SRG profitiert von einem steigenden Benzinpreis. Ist das richtig?
Die Garage in Winterthur wird mit dem Modell des Bundesrates doch auch entlastet.
Die untersten beiden Tarife würden wegfallen. Sonst ändert sich aber nichts. Die Garage hätte weiterhin mehrere Tausend Franken an SRG-Steuern zu entrichten.
Das ist zu viel?
Ja. Vor allem, weil es eine ungerechtfertigte Doppelbelastung ist. Das ist ein Systemfehler. Warum soll ein Unternehmen eine hohe SRG-Steuer entrichten, wenn alle Angestellten die Haushaltabgabe bezahlen? Das Unternehmen bezahlt eine Geistersteuer. Zeigen Sie mir einen Betrieb, der SRF schaut oder wo SRF auf den Bildschirmen läuft.
«Ungerechtfertigte Doppelbelastung»: Urs Furrer will Schweizer Unternehmer von der SRG-Steuer befreien.
Bild: Andrea Zahler
In Garagen hört man Musik aus den Radios.
Die Mechaniker bezahlen bereits privat für die SRG. Es gibt keinen Grund, warum die Abgabe über den Betrieb nochmals bezahlt werden soll. Zumal die Rechnungen mit dem Wechsel von der geräteabhängigen Abgabe zur umsatzabhängigen Steuer in vielen Fällen explodiert sind.
Warum haben Sie es nicht geschafft, die Bundesparlamentarier von einer Streichung der Unternehmensabgabe zu überzeugen – ohne die Haushaltabgabe auf 200 Franken zu senken?
Wir haben jahrelang versucht, einen Kompromiss im Parlament hinzubekommen. Die SRG-Lobby hat alles getan, um das zu verhindern. Es gab milde Gegenvorschläge, die Kommission des Nationalrats war einverstanden. Die SRG-Lobbyisten im Ständerat zeigten aber null Verhandlungsbereitschaft.
Dann war Ihr Lobbying zu schwach.
Die SRG-Lobby ist gut aufgestellt und finanziell gut ausgestattet. Kommt hinzu: Politiker wollen wiedergewählt werden – und brauchen dafür Auftritte im Staatssender.
SRG-Generaldirektorin Susanne Wille sagt:
Gute Medien gehörten zur Infrastruktur eines hoch entwickelten Landes. Dazu solle jeder einen Beitrag leisten, unabhängig von der Nutzungsdauer. Was sagen Sie zu diesem Argument?
Die SRG-Chefin sagte im Interview mit Ihrer Zeitung auch, dass die Unternehmen einen Beitrag an die Allgemeinheit leisten sollten. Da habe ich gestaunt. Das Gewerbe leistet enorm viel für die Gesellschaft. Es schafft Jobs, setzt sich in den Dörfern ein und in Milizämtern, unterstützt Vereine, Sportanlässe, Musik-Events und fördert Nachwuchstalente. Es ist bemerkenswert, dass die Chefin einer mit Zwangsgebühren finanzierten Organisation unsere KMU zu gesellschaftlichem Engagement aufruft.
Lehnen Sie den medialen Service public ab?
Nein. Auch nach einem Ja zur Initiative bezahlt jeder Haushalt eine SRG-Gebühr. Aber es gibt eine Entlastung für Privatpersonen – und die Doppelbelastung für Unternehmen fällt weg.
Die SRG müsste nach einem Ja am 8. März Tausende Stellen streichen. Viele Journalistinnen und Journalisten verlören ihren Job. Wollen Sie das?
In den vergangenen Jahren ist die SRG stark gewachsen und hat über eintausend zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen. Die SRG muss sich wieder auf das Wesentliche, auf ihren Kernauftrag, fokussieren.
Die Raison d’être der SRG ist eine vergleichbare Berichterstattung aus allen Landesteilen und Regionen. Sehen Sie keine Gefahr, dass dies mit der Initiative wegbricht?
Die Berichterstattung über das Geschehen in den Regionen ist ein wichtiger Teil des Service public. Im Initiativtext steht, dass der Finanzausgleich für die Sprachregionen aufrechterhalten wird; heute ist das so nirgends explizit festgeschrieben. Wir wollen den Service public nicht abbauen. Es braucht mehr fundierte Berichterstattung, mehr Information, aber weniger seichte Unterhaltung, weniger Quizshows.
Mit der Halbierungsinitiative werden die Mittel knapp, um zum Beispiel Parlamentsdebatten im Kanton Uri abzudecken. Es drohen mediale Wüsten.
Den Begriff «Halbierungsinitiative» hat die SRG-Lobby erfunden. Korrekt heisst die Initiative «200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)». Die SRG rechnet mit einem viel stärkeren Rückgang der Werbeeinnahmen als wir. Wir gehen davon aus, dass ihr nach einem Ja etwa 850 Millionen Franken pro Jahr bleiben. Damit kann man in der Berichterstattung auch kleinere Regionen abdecken. Von medialer Wüste kann keine Rede sein.
Bei einem Budget von 1,56 Milliarden Franken sind 850 Millionen aber nahe bei einer Halbierung.
Meinungsvielfalt und Service public zeichnen sich nicht durch ein maximal grosses Budget aus. Service public bedeutet, sich auf das Nötige zu fokussieren. Die SRG ist übermächtig. Die Initiative verschafft privaten Anbietern mehr Raum zur Entfaltung. Im Regionalfernsehen und in den privaten Printmedien finden viele wichtige Debatten statt, die zur Meinungsbildung beitragen.
Autokratische Staaten wie Russland verbreiten im Westen ihre Propaganda in den sozialen Medien. Ist es da nicht gut, wenn öffentlich finanzierte Medien mit seriösem Journalismus dagegenhalten?
Das bestreite ich nicht. Die Initiative will die SRG ja nicht abschaffen. Sie sagt, dass es weiterhin einen öffentlich finanzierten Journalismus in Radio und Fernsehen gibt. Das Erlernen von Medienkompetenz, der Umgang mit der Vielfalt an Quellen und Nachrichten, ist eine Erziehungsaufgabe. Dafür braucht es nicht die weltweit höchsten Mediengebühren.
Sie sind so hoch, weil die Schweiz ein viersprachiges Land ist.
Viele Privatpersonen und Unternehmen müssen den Gürtel in der kommenden Zeit enger schnallen. Da muss auch die in den letzten Jahren stark gewachsene SRG einen Beitrag leisten.
Finden Sie, dass die Sender der SRG eine Linkstendenz in ihrer Berichterstattung haben?
Gemäss einer Untersuchung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bezeichnen sich fast drei Viertel aller SRG-Journalisten als links. Dass dies zwischendurch in der Berichterstattung durchschlägt, kann passieren. Aber darum geht es nicht. Die Initiative sorgt dafür, dass sich die SRG durch eine Gebührensenkung auf ihren Kernauftrag zurückbesinnt.
Halbierungsinitiative
Die Schweizer Stimmberechtigten befinden am kommenden 8. März über die Volksinitiative «200 Franken sind genug.» Sie verlangt, dass die Medienabgabe von 335 auf 200 Franken pro Jahr gesenkt wird. Zudem sollen sämtliche Unternehmen in der Schweiz von der Gebühr befreit werden.
Der Bundesrat hat auf dem Verordnungsweg eine Form von Gegenvorschlag beschlossen: Die Medienabgabe soll bis 2029 auf 300 Franken sinken. Ausserdem sollen 80 Prozent der Unternehmen von der Gebühr entbunden werden. (be.)

