Die SRG wird zur Retterin der Schweizer Demokratie hochstilisiert. Das ist doch ziemlich übertrieben. Ohne Regionalzeitung keine Demokratie

St. Galler Tagblatt, 16.2.2026

Es gibt fürwahr ein paar gute Gründe, die Initiative zur Halbierung der SRG abzulehnen. Dass ein kleines Land wie die Schweiz über eine nationale Radio- und Fernsehgesellschaft verfügt, die Bürgerinnen und Bürger mit vielfältigen und guten Informationen versorgt, ist wichtig. Gerade in Zeiten von russischer Propaganda und amerikanischen Techgiganten, die das Publikum mit ausgeklügelten, aber völlig undurchsichtigen Algorithmen täglich verführen. Das schweizerische Mediensystem, welches seit Jahren Millionen an die Silicon-Valley-Bros verliert, da Werbetreibende lieber dort inserieren statt im heimischen Verlagswesen, soll nicht weiter geschwächt werden.

Ein Argument jedoch, das von links und natürlich von der SRG selbst gerne zelebriert wird, zielt gänzlich an der Realität vorbei. Die SRG macht journalistisch gewiss vieles, aber für den Service public in den Regionen ist sie nicht alleine zuständig. Federführend sind – die Ostschweiz ist dafür ein Musterbeispiel – private Medien wie CH Media, welche auch diese Zeitung herausgibt. Im Unterschied zur SRG kümmern sich die «Thurgauer Zeitung», die «Appenzeller Zeitung» oder das «St. Galler Tagblatt» viel umfassender um das Geschehen in der Region und bilden dieses in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur so breit wie möglich ab.

Dafür genügt etwa ein Blick in die Sitzungen des St. Galler, Frauenfelder oder Kreuzlinger Stadtparlaments. Kaum jemals taucht dort eine Journalistin oder ein Journalist der SRG auf, und falls doch, dann meistens erst, wenn es knallt. Gleiches gilt für die vielen Bürgerversammlungen auf kommunaler Ebene, die selten bis nie Eingang in die Berichterstattung der SRG finden. Wie auch? Die SRG beschäftigt in der Ostschweiz viel weniger Medienschaffende als die oben genannten Zeitungen, die zwar tendenziell schrumpfende, aber nach wie vor stattliche Redaktionen in St. Gallen, Wil, Wattwil, Frauenfeld, Weinfelden und Arbon unterhalten und diese gänzlich ohne Gebührengelder finanzieren.

Es ist kein Vorwurf an die SRG, dass sie die Regionen etwa mit dem Regionaljournal bloss rudimentär abdeckt. Ihr Fokus gilt naturgemäss eher dem nationalen und internationalen Geschehen, der Unterhaltung und zahlreichen journalistischen Nischenangeboten. Gerade deshalb aber ist es unehrlich, in der laufenden Kampagne die Bedeutung der SRG für eine Region wie die Ostschweiz derart zu überhöhen. Selbst wenn die Gebühren von derzeit 335 auf 200 Franken sinken würden, wäre die öffentliche demokratische Debatte in den Kantonen kaum in Gefahr.

Die privaten Medien haben freilich nichts davon, wenn der SRG das Budget zusammengestrichen wird. Studien legen nahe, dass die Medienkonsumenten deswegen nicht in Scharen zu den Zeitungsverlagen rennen, um dort neue Abos abzuschliessen. Die Herausforderungen für die Schweizer Medien, ob privat oder staatsnah, sind ohnehin ähnlich: In die USA abfliessende Werbeeinnahmen, News-Überdruss, geringe Zahlungsbereitschaft für Online-Inhalte, hohes Ablenkungspotenzial in den amerikanisch oder chinesisch gesteuerten sozialen Medien.

Gut, findet aktuell eine angeregte Debatte über die Rolle der SRG statt. Die Schweiz braucht eine starke SRG. Doch die Schweiz, insbesondere die Regionen, brauchen unbedingt auch potente Regionalzeitungen oder Onlineportale, die in der Lage sind, das Geschehen vor Ort nicht nur brav abzubilden, sondern das Handeln der Akteure wohlwollend, aber kritisch-distanziert zu hinterfragen. Gerade die Eidgenossenschaft mit ihrem föderalistischen Politsystem ist auf unbestechliche, fundierte regionale Medien angewiesen. Angesichts der selbst auf kommunaler Ebene um sich greifenden Behörden-PR, wo Heerscharen gut bezahlter Staatsbediensteter damit beschäftigt sind, ihre Auftraggeber stets im besten Licht zu präsentieren, sind starke Regionalmedien als Gegengewicht, als klassische vierte Gewalt im Staat wichtiger denn je.

Ein Nein zur Halbierungsinitiative ist somit nicht das Ende der medienpolitischen Auseinandersetzung. Sondern der Auftakt zur Debatte, was getan werden muss, um die Erosion der privaten Medien im Land nachhaltig zu stoppen.

Stefan Schmid
stefan.schmid@chmedia.ch

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